Die Geschichte des Klebebandes

In unserer Serie „Packende Geschichten“ beleuchten wir die Anfänge heutiger Verpackungsklassiker. Diese Ausgabe widmet sich der Erfindung des Klebebandes – angefangen bei der Suche nach einem Wundpflaster über zweifarbige Autolackierungen bis zur Wiederbelebung eines für gescheitert erklärten Markennamens.

Der Ursprung des Klebebandes liegt in Hamburg. Ende des 19. Jahrhunderts meldete der 1836 geborene Apotheker Paul Carl Beiersdorf hier ein von ihm entwickeltes Herstellungsverfahren für Wundpflaster zum Patent an. Am 28. März 1882 erhielt Beiersdorf vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin die Patentschrift Nr. 20057 zur „Herstellung von gestrichenen Pflastern“ ausgehändigt. Der approbierte Pharmazeut richtete ein Labor in seiner Apotheke ein und stellte auf Grundlage seines Patents Heilpflaster aus der Masse des Guttaperchabaumes her – die sogenannte Guttapercha-Pflastermulle. Das Pflastergeschäft lief dermaßen erfolgreich, dass sich Beiersdorf 1883 von seiner Apotheke trennte und seinen Fokus fortan gänzlich auf die Pflasterproduktion richtete. Im benachbarten Altona, heute ein Stadtteil Hamburgs, gründete er das „Laboratorium dermatotherapeutischer Präparate“ – eine kleine Fabrik, die schon bald elf Mitarbeiter beschäftigte. 1890 befand sich Beiersdorf mitten in der Entwicklung eines neuartigen Pflastertyps als ihn ein schwerer familiärer Schicksalsschlag dazu bewegte, seine Tätigkeit niederzulegen und das Labor zu veräußern. Ein Käufer war schnell gefunden: Der erst 27-jährige Apotheker Dr. Oscar Troplowitz erwarb das Kleinlabor mit finanzieller Unterstützung seines Onkels für 60.000 Mark. Den Firmennamen Beiersdorf ließ er jedoch bestehen.

Troplowitz setzte Beiersdorfs ambitionierte Forschung fort, doch das Ergebnis konnte nicht wirklich überzeugen. Zwar haftete das von ihm entwickelte Wundpflaster hervorragend, doch reizte es auch die Haut. Böse Zungen behaupteten gar, es würde beim Abziehen die Haut mit herunterreißen. Schnell wurde nach alternativen Einsatzmöglichkeiten gesucht. 1896 brachte Troplowitz schließlich das „Cito Sport-Heftpflaster“ zum Abdichten defekter Fahrradreifen auf den Markt – das weltweit erste technische Klebeband. Die Nachfrage hielt sich allerdings in Grenzen. Der Nachfolger, ein „Lassoband“ genanntes Kautschuk-Klebeband, wurde insbesondere von Bonbonfabrikanten zum Abdichten und Verschließen von Dosen eingesetzt. Doch die Erwartungshaltung konnte nicht erfüllt werden. Kaum begonnen, wurde die Entwicklung technischer Klebebänder – ohnehin eher eine Notlösung – somit bereits nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Troplowitz rückte seinen Fokus zurück auf das pharmazeutische Kerngeschäft der Firma Beiersdorf. Mit Entwicklung des Klebeverbandes Leukoplast gelang 1901 schließlich ein erster großer Erfolg. Das Rollenpflaster aus Viskosefasergewebe gilt heute als eine frühe Form des Gewebeklebebandes.

Kreppklebeband für die Automobilindustrie

Die Entwicklung technischer Klebebänder, für die Oskar Troplowitz 1901 den Grundstein gelegt hatte, wurde erst über 20 Jahre später wieder aufgegriffen. 1923 ließ das US-amerikanische Unternehmen 3M, damals ein Hersteller von Schleifpapieren, sein neues, wasserfestes „Wet or dry“-Sandpapier in der Automobilproduktion testen. Hierbei erfuhren 3M-Mitarbeiter von Problemen der Fabrikanten mit der damals neuen, aber schon überaus populären Zweifarblackierung. Es fehlte schlichtweg an einer geeigneten Abdeckung für bereits fertiggestellte Teile, die beim Auftrag der Zweitfarbe einen sauberen Farbübergang gewährleisten würde. Der 26-jährige Richard Gurley Drew, damals Ingenieur bei 3M, experimentierte in der Folge zwei Jahre lang u. a. mit pflanzlichen Ölen, Harzen und Gummi. 1925 präsentierte er schließlich sein Ergebnis, ein fünf Zentimeter breites Abdeckband aus Krepppapier. Das Trägermaterial war an den Außenkanten mit einer dünnen Klebeschicht versehen. Doch das Band haftete nicht ausreichend und fiel bei einem ersten Test durch. Der frustrierter Lackierer zürnte „Take this tape back to those Scotch bosses of yours and tell them to put more adhesive on it!“ – zu Deutsch: „Bringen Sie das Klebband zurück zu Ihren schottischen Chefs und sagen Sie ihnen, sie sollen mehr Kleber auftragen!“. Doch „Scotch“ war in diesem Fall keinesfalls als Hinweis auf die Herkunft der Chefetage zu verstehen. Im damaligen Sprachgebrauch handelte es sich vielmehr um eine abwertende Beleidigung. Den Schotten lastete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nämlich der Ruf überzogener Sparsamkeit an, weshalb der Begriff „Scotch“ häufig synonym zu „geizig“ verwendet wurde. Drew optimierte daraufhin sein Abdeckband, indem er das Trägermaterial vollflächig mit Klebstoff beschichtete – das Kreppklebeband war erfunden. Bei der Namensfindung rief sich Drew den Ausruf des Lackierers in Erinnerung – „Scotch Masking Tape“ sollte das Abdeckband fortan heißen. Musteraussendungen an die Automobilhersteller in Detroit bescherten 3M umgehend volle Auftragsbücher.

Das erste transparente Klebeband

Der große Erfolg des Kreppbandes ließ die Entwicklung und Produktion von Klebeprodukten fortan in den Fokus des Unternehmens rücken. Fünf Jahre später, am 27. Mai 1930, erhielt Drew das Patent für das weltweit erste transparente Klebeband („Scotch Cellulose Tape“, Patent US 1760820 A). Gedacht war dieses in erster Linie für den Verschluss von Zellophan-Verpackungen, die insbesondere in Bäckereien, Metzgereien und dem Lebensmittelhandel eingesetzt wurden. Doch die wirtschaftliche Depression in den USA verhalf dem Klebeband – wenn auch zweckentfremdet – zu ungeahntem Erfolg. So wurde das Band von einer zur Sparsamkeit gezwungenen Gesellschaft häufig für kleinere Reparaturarbeiten genutzt. Weiter beflügelt wurde der Vormarsch des Klebebandes durch einen ersten Abroller mit eingebauter Klinge, welcher 1932 von Drews Kollegen John A. Borden entwickelt wurde und die Anwendung erheblich vereinfachte. Während des Zweiten Weltkriegs war die Nachfrage in den USA schließlich dermaßen groß, dass es zu Lieferengpässen kam und 3M sich in Anzeigenschaltungen dafür entschuldigte.

Die Entwicklung des Tesafilms

Auch in Deutschland widmete man sich ab Mitte der 30er Jahre wieder der Entwicklung technischer Klebebänder. 1934 bewarb sich der 25-jährige Industriekaufmann Hugo Kirchberg bei der P. Beiersdorf & Co. AG in Hamburg und überzeugte den Vorstand von seiner Vision eines Klebebandes für das Büroumfeld. Auf Probe betraute man ihn mit der Aufgabe, den Vertrieb technischer Klebebänder zu organisieren. Basierend auf dem bis dato bedeutungslosem Klebeband von 1896 entwickelte Kirchberg ein transparentes Band, das im Januar 1935 als „Beiersdorfs Kautschuk-Klebefilm“ in den Handel gelangte. Die Nachfrage hielt sich vorerst in Grenzen, doch Kirchberg glaubte weiterhin an den Erfolg seiner Idee. Noch im selben Jahr erhielt er das Patent auf einen von ihm entwickelten „Behälter für mit Trockenklebstoff versehene Klebestreifenrollen“ (Patentschrift Nr. 661115). Der Abroller sollte den Verbraucher durch die vereinfachte Bandspende von dem Klebeband überzeugen. 

Auf der Suche nach einem einprägsamen Markennamen stieß er im Beiersdorf-Fundus geschützter Bezeichnungen schließlich auf den ungenutzten Begriff „Tesa“. Das Kunstwort war aus einem bereits 1906 durchgeführten Markennamenwettbewerb hervorgegangen. Die damalige Beiersdorf-Mitarbeiterin Elsa Tesmer, von April 1903 bis Oktober 1908 Kontoristin und Leiterin der Schreibstube, hatte die Wortschöpfung aus der ersten Silbe ihres Nachnamens (Tesmer) sowie der letzten Silbe ihres Vornamens (Elsa) zusammengefügt. In der Folge war „Tesa“ bereits Markenname einer patentierten Zahnpastatube (Pebeco-Zahnpasta, 1908) sowie einer neuartigen Wurstpelle (1926) – beides jedoch ein Misserfolg. Entsprechend skeptisch betrachtete man im Beiersdorf-Vorstand nun Kirchbergs Vorhaben, das Klebeband unter eben diesem Namen zu vertreiben.

Doch Kirchberg trotzte den Bedenken aus der Chefetage und vermarktete sein Klebeband ab dem 11. Mai 1936 als „Tesa-Klebefilm“ (ab 1941 nur „Tesafilm“) „zum Kleben, Flicken, Basteln“. Das Produkt wurde auf Anhieb zum absoluten Verkaufsschlager, auch dank geschickter Werbeideen. Heute ist „Tesa“ allgemein gültiges Synonym für Klebestreifen. Doch Kirchberg ruhte sich nicht auf seinem Erfolg aus, sondern versuchte, seinen Tesafilm stetig zu optimieren. Das 1934 von ihm entwickelte Klebeband bestand aus einem mit Naturkautschukkleber beschichteten Filmträger aus Zellglas (Zellulosehydrat). Dieser war sehr spröde und wasserempfindlich. Darüber hinaus vergilbte das transparente Material recht schnell (heutige Exponate sind fast schwarz). Man ersetzte das Zellglas zunächst durch Zelluloseacetat, in den 60er Jahren wurde dieses wiederum durch Hart-PVC ausgetauscht. Zudem wich der zuvor verwendete Naturkautschukkleber 1960 dem bis heute eingesetzten Acrylatkleber. Seit den 80er Jahren wird Polypropylen als Folienträger des Tesafilms eingesetzt.

Klebeband heute

Die Mitte der 1930er Jahre einsetzende Erfolgsgeschichte der Scotch- und Tesa-Klebebänder setzte sich weltweit fort und spiegelt sich heute in einer Vielzahl verschiedenster Klebebandtypen wieder. Ob transparent oder farbig, reißfest oder dehnbar, ein- oder doppelseitig klebend, faserverstärkt, UV-stabil, hitze- oder kältebeständig, wasserfest oder säureresistent – Klebebänder sind für die unterschiedlichsten Einsatzbereiche und Anwendungszwecke erhältlich. Fast könnte man meinen: Klebeband hält die Welt zusammen.

Sie kennen die Ursprungsgeschichte eines weiteren Verpackungsklassikers? Verraten Sie uns diese und wir werden gerne darüber berichten. Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge!


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Simona Jurczinski
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