Kartonismus – Cartoon trifft Karton

Er legt Wellpappe unters Messer: Künstler Björn von Schlippe fertigt plastische Werke aus Wellpappe, eine poppige Mixtur aus Reliefplastik und Malerei. Mit Entwicklung des „Kartonismus“ schuf der Hamburger eine völlig neuartige Kunstform, die bis heute als sein Alleinstellungsmerkmal gilt. Der passionierte Cartoonist wurde so zum „Kartonist“. Wir hatten kürzlich die Gelegenheit, mit ihm über sein originelles Werk zu sprechen.

Hildebrandt: Herr von Schlippe, wie haben Sie zum Kunstmedium Wellpappe gefunden und was prädestiniert das Material für diesen zweckentfremdeten Einsatz?

von Schlippe: Das Aha-Erlebnis kam beim Basteln mit meiner ältesten Tochter. Pappe, Packpapier, Klebe, Skalpell – diese Materialien waren dabei stets vorhanden. Meine künstlerischen Arbeiten zu der Zeit waren großformatige Collagen auf Leinwand, die ich häufig übermalte und neu begann. Leinwand ist teuer und zum Experimentieren, Spielen und Ideenentwickeln weniger geeignet. Auf Packpapier zeichnete ich viel, da ich die Tonalität mochte, bei der es möglich ist, sowohl ins Dunkle als auch ins Helle zu arbeiten, was ja auf weißem Papier bzw. Leinwand nicht möglich ist. Pappe bringt diese Tönung ebenfalls mit sich. Ich schnitt damals also mit dem Skalpell aus Wellpappe Figuren aus, bemalte diese und wir spielten damit. Anschließend klebte ich diese Figuren und Elemente auf ein gefärbtes Packpapier. Das waren dann die ersten „räumlichen“ Pappwerke.

Hildebrandt: Sie haben Ihren Kunststil „Kartonismus“ getauft – was kann man sich darunter vorstellen?

von Schlippe: Nun, „Pappismus“ wäre ehrlicher, klang aber einfach nicht so gut. „Kartonismus“ ist ein Kunstwort, das ich erfand, um einmal das Material „Karton“ – auch wenn es sich ja eben fast ausschließlich um Pappen handelt – und eine Kunst-Stilrichtung, den „Ismus“, zu verbinden.

Hildebrandt: Journalist und Autor Christian Pfaff schrieb über Sie „Er ergründete das Material, verfeinerte die Bearbeitung und sprengte die Formate“. Bitte schildern Sie uns einmal die Entstehung des Kartonismus.

von Schlippe: Ich knete die Pappe, schneide und loche sie. Ich reiße Teile der oberen Schichten weg, um die Struktur darunter in die künstlerische Komposition einzubeziehen. Ich schichte Pappelemente übereinander und verleime diese. So dringen diese Werke aus der Fläche in den Raum, lösen damit alte Sehgewohnheiten auf, wie sie eine Leinwand oder ein DIN genormtes Papier vorgeben. Kartonismen sind Raumbilder.

Hildebrandt: Von bloßer Wellpappe zum fertigen Kunstwerk – wie gestaltet sich Ihr Arbeitsprozess und welcher zeitliche Aufwand ist hierfür erforderlich?

von Schlippe: Die Skizze steht am Anfang. Diese übertrage ich auf ausgesuchte Wellpappe, konstruiere meistens erst einen festen Untergrund und schneide dann die vorgezeichneten Elemente aus, verleime diese in kleinen Gruppen und füge alles zu einem größeren Ganzen zusammen. Wenn die Gesamtanmutung stimmt, wird alles fest verklebt und anschließend, fast immer, mit Acrylfarben bemalt und am Ende mit Acryllack versiegelt. Es ist eine zeitaufwändige Arbeitsweise.

Hildebrandt: Ohne Karton kein Kartonismus. Woher beziehen Sie das Material für Ihre Kunst?

von Schlippe: Die meisten Pappen sind aus dem Altpapier. An einer Stelle in einem Gewerbegebiet hole ich große Pappreste, die besonders dick bzw. stark sind. Dort fahre ich gelegentlich hin. Freunde bringen mir gerne ihre alten Kartons, oft schon zu viele. Einige Wellpappen habe ich aber tatsächlich auch gekauft und dieser Fundus scheint ebenfalls unendlich. Ist er aber sicher nicht.

Hildebrandt: Ihre Werke zeigen Momentaufnahmen, Fantastereien, Verrücktes – wie erfolgt Ihre Motivauswahl und woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

von Schlippe: Bei der Motivauswahl hat sich über die Jahre viel verändert. Zurzeit ist es so, dass ich mich in einem ruhigen Moment – so etwas kommt auch mal vor – hinsetze und direkt mit dem Zeichnen beginne. Oft entstehen so schnell ein paar Dutzend Skizzen. Ich zeichne einfach alles, was mir durch den Kopf geht, woran ich Freude habe, was mich bewegt. Momentan setze ich alle Skizzen ausnahmslos in Kartonismus um. Die Bilder sind so als spontaner Akt, als Aktion, zu verstehen. Ich beschönige nichts und überlasse alles dem kreativen Fluss. Meiner Ansicht nach ist dies eine sehr ehrliche Form von Kunst. Ein bisschen wie Helge Schneider auf der Bühne: viel Quatsch, Albernheit, kreativer Fluss und manchmal ist es sogar richtig gut. Deutung und Bedeutung sei dem Betrachter überlassen.

Hildebrandt: Kartonismus lädt zum Eintauchen, Deuten und Träumen ein. Welche Reaktionen beobachten Sie bei Betrachtern Ihrer Werke?

von Schlippe: Am meisten freut mich, dass so gut wie niemand achtlos an meinen Kartonismen vorbeigeht. Die Menschen reagieren, wobei spontane Reaktionen wie Freude und Zustimmung überwiegend vorkommen. Die Freude, die ich beim Erstellen habe, spiegelt sich im Betrachter wieder. Das ist mir sehr viel wert und mein innerer Antrieb.

Hildebrandt: Beweglich, viral, begehbar – wie sieht der Kartonismus der Zukunft aus?

von Schlippe: Visionen für die Zukunft hatte ich mal. Die wirkliche Entwicklung sieht dann aber doch anders aus. Das Material folgt meinen Ideen, die im Moment entstehen. Da kann von einem Augenblick zum anderen Neues entstehen und wieder verworfen werden. Vieles hängt von den Gegebenheiten ab: Mein Atelier ist begrenzt, meine Zeit für das freie kreative Arbeiten ebenfalls. Große Lust habe ich, ganze begehbare Räume im Stil des Kartonismus zu bauen, ich denke aber auch sehr praktisch und begrenze mich da schon früh. Ich möchte die Werke leicht transportieren können, sie ausstellen und den Menschen damit zugänglich machen. Das Material hat natürlich auch Nachteile: Es verformt sich, „arbeitet“ und ist, bei aller Derbheit, empfindlich und witterungsanfällig. Das ist auch den meisten Menschen bewusst und schreckt potenzielle Käufer erst einmal ab. Auf die Verarbeitung und den Schutz der Werke lege ich darum seit vielen Jahren besonderen Wert und entwickle auch ständig neue Techniken, um den Kartonismus so haltbar und gut geschützt wie nur irgend möglich zu machen. So verarbeitet und überdauert es meiner Ansicht nach dann auch Generationen. Auch wenn ich nun schon seit über 20 Jahren mit Wellpappe arbeite, habe ich noch Spaß, Neues damit zu versuchen und zu entwickeln. Es gibt aber auch Momente, in denen ich am liebsten alles in den Altpapiercontainer werfen möchte. Aber da sehe ich mich in bester Künstlertradition.

Hildebrandt: Wo besteht die Möglichkeit, sich einen persönlichen Eindruck Ihrer Arbeit zu verschaffen?

von Schlippe: In meinem Hamburger Atelier oder in einer meiner Ausstellungen. Mein Buch „Kartonismus“ sowie meine Kataloge und Webseite geben einen guten Eindruck.

Das Interview wurde geführt von Tobias Kemper. Wir danken Herrn von Schlippe für das informative Gespräch sowie die Bereitstellung des gezeigten Bildmaterials.


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