Zufallsfund Luftpolsterfolie: Auf den Spuren des Knallkonzerts

In unserer Serie „Packende Geschichten“ führen wir Sie zu den Anfängen heutiger Verpackungsklassiker. Nachdem wir zuletzt die Entwicklung der Wellpappebeleuchtet haben, widmen wir uns in dieser Ausgabe dem Ursprung der Luftpolsterfolie.

Die Entdeckung der Luftpolsterfolie kann als wahrlicher Zufallsfund bezeichnet werden. Ihre Entdecker, die beiden New Yorker Ingenieure Alfred Fielding und Marc Chavannes, waren 1957 eigentlich auf der Suche nach einer neuartigen Tapete auf Kunststoffbasis. Diese sollte leicht abwaschbar und insbesondere einfacher anzubringen sein als das herkömmliche Papiermaterial. Erste Versuche in einer Garage in New Jersey sahen das Verkleben von Duschvorhängen vor. Die hierbei entstehenden Luftblasen zwischen den Kunststofflagen inspirierten die beiden Amerikaner schließlich zu einer Tapete in Weltraumoptik.

Was aus heutiger Sicht überaus skurril wirkt, war damals durchaus zeitgemäß: Als propagandistischer Nebenschauplatz des Kalten Krieges tobte zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion seit Mitte der 1950er Jahre ein regelrechter Wettlauf um den Vorstoß in das Weltall. Das politisch motivierte Streben nach den Sternen übertrug sich auch auf die Bevölkerung, welche sich zunehmend für das Thema Weltraum begeisterte – ein wachsendes Interesse, das Fielding und Chavannes mit ihrer Tapete gerne bedienen wollten. Bewusst fügten sie dem Kunststoff nun kleine Luftblasen hinzu, um eine möglichst kosmische Optik zu erzielen. Die Rückseite wurde zudem mit einer farbigen Papierschicht versehen. Doch entgegen ihrer Erwartungen fand die futuristisch anmutende Tapete bei der Kundschaft wenig Beachtung.

Sinnsuche – von der Trendtapete zum Polstermaterial

Auf der Suche nach alternativen Einsatzmöglichkeiten versuchten die Entwickler ihre Tapete als Isoliermaterial für Gewächshäuser anzupreisen. Doch obwohl die zweilagige Folie für diesen Zweck durchaus taugte, konnte sich auch diese Idee nicht auf dem Markt behaupten. Erst später kam ihnen der Gedanke, ihre Erfindung als Transportschutz einzusetzen. Tatsächlich eignete sich die leichte und robuste Plastiktapete ideal zum Verpacken empfindlicher Waren und Gegenstände.

Nach kleinen Anpassungsarbeiten meldeten Fielding und Chavannes ihre Entwicklung schließlich am 27. November 1959 als „Bubble Wrap“ (englisch für Luftpolsterfolie) beim US-Patentamt an. Diese bestand aus zwei miteinander verschweißten Polyethylenschichten – einer glatten Deckfolie und der namensgebenden Luftpolsterlage. In diese wurden mittels Noppenzylinder und Vakuumwalze runde, in sich geschlossene Luftpolster von etwa 10 mm Durchmesser eingearbeitet. 1960 gründeten Fielding und Chavannes die Sealed Air Company mit Sitz in Elmwood Park, New Jersey, und begannen mit der Produktion und Vermarktung ihrer Luftpolsterfolie für Verpackungszwecke.

Siegeszug der Luftpolsterfolie

Insbesondere die beginnende Computerisierung Mitte des 20. Jahrhunderts beflügelte das Geschäft: Der zunehmende Versand hochsensibler Transistoren erforderte einen zuverlässigen Verpackungsschutz, der sowohl für schwere wie auch zerbrechliche Komponenten geeignet war. Papier – das bis dato übliche Polstermaterial – war für diese Zwecke weniger geeignet, Luftpolsterfolie erwies sich dagegen als ideale Lösung. Die kontinuierliche Weiterentwicklung bedarfsgerechter Ausführungen (Noppengröße etc.) und Konfektionsformen (z. B. Luftpolsterversandtasche) ebnete der Folie in den darauffolgenden Jahrzehnten den Einzug in jegliche Verpackungsbereiche.

Bedeutendste Neuerung war jedoch die Entwicklung der 1999 in Deutschland eingeführten Sperrschicht-Luftpolsterfolie, welche erstmals über eine luftundurchlässige Versiegelung verfügte. Der allmähliche Luftverlust der kreisrunden Polster war seit jeher problematisch, erhöhte sich mit dem Entweichen der Luft doch auch das Risiko von Transportschäden. Die Sperrschichtvariante verlor dagegen keine Luft mehr und hielt die Polsterdicke konstant aufrecht. Zum Jahrtausendwechsel eröffnete in Alsfeld ein erstes Werk in Deutschland.

In den vergangenen Jahren fokussierte sich die Entwicklung zunehmend auf mögliche Einsparpotenziale. Mit Einführung der E-Noppe wurde ab 2012 eine reduzierte Noppenhöhe etabliert, dank welcher Volumen und Rollendurchmesser der co-extruierten Folie nahezu halbiert werden konnten. Dies ermöglichte eine erhebliche Senkung der Fracht- und Lagerkosten. 2015 folgte die Markteinführung einer luftleeren Polsterfolie. Diese wird als flache Folie angeliefert, eingelagert und erst bei Bedarf mit Luft gefüllt. Um das Aufpumpen der kompletten Folie zu ermöglichen, sind die einzelnen Luftkammern – anders als bei herkömmlicher Luftpolsterfolie – miteinander verbunden.

Der Verzicht auf die vorzeitige Luftbefüllung ermöglicht eine nochmals platz- und kostensparendere Lieferung und Lagerhaltung. Aufgrund der hochpreisigen Pumpsysteme gestaltet sich die Umstellung aktuell jedoch noch zu kostenintensiv.

Knallkonzert – kulturelle Effekte der Luftpolsterfolie

Trotz ihrer unweigerlichen Vorteile stößt die neuartige Folie auf geteilte Meinungen. Grund für die teils ablehnende Haltung ist eine besondere Eigenheit der klassischen Luftpolsterfolie, die im Zuge der Umstellung jedoch verloren gehen würde. Das Zerdrücken der Luftpolster verursacht einen kleinen Knall. Dieser birgt akutes Suchtpotenzial – kaum in die Hand genommen, juckt es Jung wie Alt gleichermaßen in den Fingern, die luftgefüllten Polster zum Platzen zu bringen. Mit der neuen Folienvariante würde dem beliebten Knallkonzert jedoch buchstäblich die Luft ausgehen. Da die Luftkammern zwecks nachträglicher Befüllung miteinander verbunden sind, verlieren diese – auch im prallgefüllten Zustand – mangels Druckentstehung schlichtweg die Fähigkeit, einzeln zu platzen.

Doch gerade dieses unverkennbare „Ploppen“ hat die Luftpolsterfolie in ihrer knapp 60-jährigen Geschichte zum wohl populärsten Verpackungsmaterial überhaupt werden lassen. Die Begeisterung reicht soweit, dass der Luftpolsterfolie im Internet unzählige Fansites gewidmet werden. Hier können virtuelle Luftpolsterfolien per Mausklick zum Platzen gebracht werden. Doch selbst für Spielekonsolen ist das unendliche „Ploppen“ längst erhältlich. In den USA ist die Faszination besonders groß: Seit 2001 wird dort jährlich am letzten Montag des Januars der „Bubble Wrap Appreciation Day“ – der „Ehrentag der Luftpolsterfolie“ – begangen, welcher regelmäßig Anlass für immer neue Weltrekordversuche ist. Dank ihrer funktionalen Schönheit ist die Luftpolsterfolie seit 2004 sogar als Design-Exponat (Kategorie „Humble Masterpiece“, zu Deutsch bescheidenes Kunstwerk) im New Yorker Museum of Modern Art vertreten. Überhaupt besitzt Luftpolsterfolie ihren ganz eigenen künstlerischen Reiz, der sich in besonders ausgefallenen Werken äußert – so etwa die Malerei per Injektion, über die wir unlängst berichteten.
 

Luftpolsterfolie ist ein hervorragendes Beispiel für Erfolg durch Misserfolg. Als zufällige Errungenschaft, die von ihren Entwicklern so nie angedacht war, ist sie unverzichtbarer Bestandteil der heutigen Verpackungskultur geworden – ein packendes Highlight, das Nutzen und Amüsement auf einzigartige Weise miteinander kombiniert.

Es juckt Ihnen in den Fingern, doch Sie haben gerade keine Luftpolsterfolie zur Hand? Auf www.knallfolie.de können Sie es einmal so richtig knallen lassen. Die virtuelle Luftpolsterfolie steht dem Original in nichts nach, ein Timer zur Zeitmessung erhöht den Spaßfaktor noch zusätzlich. Wir wünschen viel Spaß!