Zeitensprung - Auf den Spuren Paul Hildebrandts

125 Jahre Hildebrandt – eine Zahl, der man sich erst einmal bewusst werden muss! Gegründet zu Zeiten deutscher Monarchen über die Jahrhundertwende, zwei Weltkriege, Wirtschaftswunder und Wiedervereinigung bis zum Millennium hinein in das Jahr 2014 – über ein Jahrhundert bewegende Weltgeschichte hautnah miterlebt. Hildebrandt ist damit älter als so manches deutsches Traditionsunternehmen, sei es Thyssen, Dr. Oetker (beide 1891), Edeka (1898), Krupp (1903), Fresenius (1912) oder BMW (1916).

Die Historie Hildebrandts ist geprägt von wohl kalkulierter Voraussicht – so z. B. der konsequente Ausbau des Niederlassungsnetzes, die systematische Erweiterung des Produktsortiments oder die zeitnahe Erschließung eines wiedervereinigten Deutschlands. Anlässlich eines 125-jährigens Jubiläums sollte jedoch auch ein Blick in die entgegengesetzte Richtung geworfen werden, in die Vergangenheit, insbesondere die Gründerjahre eines Unternehmens. Doch was tun, wenn die Anhaltspunkte mehr als rar sind?

Spurensuche im Sand

In der Tat erwies sich die Recherche als überaus zeitaufwändig und beschwerlich. So sorgten erste Gespräche bereits für Ernüchterung: Eine Gründungsurkunde, wie sie uns vorschwebte, werde im Fundus eines Archivs kaum auffindbar sein – wenn überhaupt, befände sich ein solches Dokument in Firmenbesitz. Dies konnte allerdings ausgeschlossen werden. Das Stadtarchiv Norderstedt vermittelte uns schließlich an die Handwerkskammer Hamburg sowie die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt – ohne nennenswerten Erfolg. Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck war mittlerweile involviert, konnte jedoch nur interne Fehldatierungen in Erfahrung bringen. So hatte man unsere Stammhausverlagerung von Hamburg nach Norderstedt im Jahr 1981 irrtümlicherweise als Unternehmensgründung dokumentiert und infolgedessen 2006 fälschlicherweise Glückwünsche zum 25-jährigen Bestehen übersandt.

Ein Telefonat mit dem Amtsgericht Hamburg lieferte schließlich erste Ergebnisse: Justizobersekretär Heil ließ uns eine amtlich beglaubigte Abschrift der digitalisierten Handelsregistereinträge ab 1965 zukommen. Darüber hinaus erhielten wir wertvolle Hinweise sowie Kontaktdaten für die weitere Recherche. Auf den Spuren Paul Hildebrandts wandten wir uns an die Kulturbehörde und betraten schließlich das Staatsarchiv der Stadt Hamburg. Hier wurde vorab eine Sichtung der Onlinedatenbank des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds (GBV) empfohlen – leider abermals ohne Erfolg. Nach einer kurzen Einweisung seitens einer Mitarbeiterin begann also die Suche in den kryptischen Findbüchern des Staatsarchivs. Unzählige Bände türmten sich bereits rechts wie links, dann endlich erste Treffer! Akribisch füllten wir Bestellscheine mit Bestandsnummern und Signaturen alter Verzeichnisse anno 1889. Nach knapp vier Stunden mussten wir unsere Recherche vorerst unterbrechen. Das georderte Archivmaterial konnte frühestens am Folgetag bereitgestellt werden, zudem stand am Nachmittag ein Termin mit zwei langjährigen Hildebrandt-Veteranen bevor, die uns im Rahmen eines Interviews einen umfassenden Einblick in die 1940er bis 1980er Jahre verschaffen sollten (Das Interview finden Sie hier!).

Fundgrube Staatsarchiv – Hinweisen auf der Spur

Nachdem wir am nächsten Vormittag zwecks einer Fotodokumentation alte Standorte unseres Hamburger Stammhauses aufgesucht hatten – darunter das am Herrengrabenfleet gelegene Sonninhaus, die „Neue Burg“ an der Ruine St. Nikolai sowie den im sogenannten Hildebrandtblock (auch Hildebrandt-Komplex) befindlichen Lohseplatz – ging es gemeinsam weiter Richtung Staatsarchiv. Das bestellte Archivgut war inzwischen verfügbar – nostalgisch anmutende, in Leder gebundene Folianten lagen abholbereit auf dem Tresen. Blatt für Blatt „wälzten“ wir die vergilbten, in altdeutscher Handschrift beschriebenen Seiten und studierten die historischen Inhalte. Tatsächlich konnten wir in einem Verzeichnis aus dem Jahr 1889 die Gewerbeanmeldung Paul Hildebrandts nebst der originalen Gewerbescheinnummer ausfindig machen. Die Unternehmensgründung ließ sich so auf den 29. Juni 1889 datieren, die Gewerbeeintragung erfolgte etwa eine Woche später am 8. Juli. Ferner gelang es uns, Handelsregistereinträge bis in das Jahr 1938 zurückverfolgen sowie Hinweise auf vertiefende Literatur in Erfahrung zu bringen. Abseits unserer Bemühungen im Staatsarchiv konnten wir auch bei unserer Webrecherche einen ungeahnten Glückstreffer landen: In einer Online-Auktion ersteigerten wir eine originale Hildebrandt-Rechnung vom 23. Januar 1925!

Unsere Suche ist sicherlich noch nicht an ihrem Ende angelangt – zu viele Quellen blieben dafür bisher unberührt. Dennoch ist es uns gelungen, erste spannende Einblicke in die Historie Hildebrandts zu erhaschen, auf deren Basis vergangene Entwicklungen besser nachvollzogen werden können. Wir werden weiterforschen und verblassende Erinnerungen rekonstruieren – denn eine Erfolgsgeschichte wie die Paul Hildebrandts sollte nicht in Vergessenheit geraten!