Von der Lehre bis zur Rente – ein Leben lang Hildebrandt

Dass Eigentümer eines familiengeführten Unternehmens Zeit ihres Lebens in lediglich einer Firma tätig sind, ist sicher keine Seltenheit. Ähnlich einer Thronfolge ist der Weg der Nachkommen häufig vorgeebnet – Kinder wachsen in ihre Rollen und treten schließlich die Nachfolge ihrer Eltern an. Bemerkenswerter ist es dagegen, wenn Angestellte von der Lehre bis zur Rente einem Arbeitgeber die Treue halten. Kürzlich bat sich uns die seltene Gelegenheit, ein ebenso aufschlussreiches wie humorvolles Interview mit zwei eben solchen Hildebrandt-Veteranen führen zu können.

Es war im Jahr 1941, als Frau Froh, damals ein junges Mädchen von 15 Jahren, erstmals das Hamburger Sonninhaus betrat, das historische Stammhaus der Firma Paul Hildebrandt. Benannt war das am Herrengrabenfleet gelegene Stadthaus nach seinem Erbauer, den bedeutenden Ingenieur und Architekten Ernst Georg Sonnin (1713 bis 1794). Dieser war unter anderem auch für den Bau der Hamburger St. Michaeliskirche, dem als „Michel“ bekannten Wahrzeichen der Hansestadt, verantwortlich. Während sich Frau Froh in ihrer Ausbildung zur Großhandelskauffrau erfolgreich behauptete, sorgte das weltpolitische Geschehen bald für Ernüchterung: Der 2. Weltkrieg erreichte Hamburg, schwere Bombardierungen amerikanischer und britischer Flugzeugverbände zerstörten im Sommer 1943 große Teile der Innenstadt. Auch das Sonninhaus wurde getroffen und stark beschädigt. Im Folgejahr fiel das Gebäude einem weiteren Luftangriff zum Opfer und brannte schließlich vollkommen aus. Noch vor Kriegsende erfolgte daher der Umzug an den Lohseplatz, wo Frau Froh auch ihren späteren Kollegen und Ehemann kennenlernen sollte.

Ein Sprung in das Jahr 1957. Missgelaunt hatte der 17-jährige Herr Froh gerade seine Ausbildung zum Post-Techniker abgebrochen. Scheinbar aus Angst, seinen Sohn nirgendwo unterbringen zu können, meldete ihn sein Vater beim Arbeitsamt, die ihn schließlich an die Firma Paul Hildebrandt vermittelten. Ein Vorstellungsgespräch und einige prüfende Rechenaufgaben später konnte die Ausbildung zum Großhandelskaufmann beginnen – der Startschuss einer 49-jährigen Betriebszugehörigkeit, die erst mit dem Renteneintritt im Jahr 2006 enden sollte. Obwohl beide 15 Jahre Altersunterschied trennten, waren sich Herr und Frau Froh von Anfang an überaus sympathisch. In dem Großraumbüro am Lohseplatz kreuzten sich täglich ihre Wege, man verfolgte die Abwicklung gemeinsamer Projekte und lernte sich schließlich zu lieben – eine prekäre Situation, war Frau Froh doch unlängst verheiratet. 1969 folgte schließlich die Eheschließung. Vorgesetze und Kollegen respektierten die „interne“ Heirat – ohnehin waren Hochzeiten unter Mitarbeitern bei Hildebrandt stets in Mode, wie man uns mit einem Augenzwinkern zu verstehen gab.

Die Sau auf dem Rücksitz – Geschichten hinter Hildebrandts Kulissen

Abseits des Geschäftsalltags ereigneten sich immer wieder unvergessliche, teils kuriose Vorfälle, an die beide auch heute noch mit Freude zurückdenken. Insbesondere die Eigentümlichkeiten und Gepflogenheiten gewisser Kollegen haben sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. So folgte Fritz Hildebrandt, Sohn und Nachfolger Paul Hildebrandts, einem allmorgendlichen Ritual: Täglich führte sein erster Gang zu den Maschinen, welche er genauestens inspizierte und sofortige Erklärung forderte, sollte einmal Stillstand herrschen. Anschließend begab er sich in die Buchhaltung, wo er die auf dem Rechnungsspieß gelagerten Belege genauestens studierte. War ihm ein Kunde fremd, verlangte er umgehend nach Auskunft – jedoch nicht über Namen, Branche oder Umsatz des Kunden. Entscheidend war allein die Bankverbindung – denn auf Kunden der Vereinsbank sei stets Verlass gewesen. Fritz Hildebrandt lernten beide als ehrbaren Hamburger Kaufmann kennen, der die vollmundigen Versprechungen mancher Handelsvertreter häufig binnen weniger Minuten korrigieren oder widerlegen konnte. Stets adrett gekleidet und im polierten Mercedes chauffiert, war der „alte Fritz“ sich aber nie zu schade, die Hände schmutzig zu machen – sei es beim Abladen eines LKW oder der Wareneinlagerung. Gerne flanierte er in Begleitung schöner Frauen durch die Straßen Hamburgs und scheute nicht davor zurück, dabei gesehen zu werden. Eher zurückhaltend agierte er dagegen im Umgang mit technischen Errungenschaften. So vermied Fritz Hildebrandt nach Möglichkeit die Nutzung eines Telefons. Zumeist lauschte er bloß den Telefonaten seiner Kollegen und warf diesen im Flüsterton Fragen oder Informationen zu.

Eine ebenso schillernde Persönlichkeit war Gesamtprokurist Claus Gartzen, einer der Schwiegersöhne Fritz Hildebrandts. Der schneidige Lebemann hatte eine ausgesprochene Vorliebe für schnelle Autos und feine Speisen. Einmal brachte „Gourmet-Gartzen“ eine lebendige Sau mit in die Firma und beauftragte seinen Assistenten „Keule“ Meier, das Tier für die Belegschaft schlachten zu lassen. Auf dem Weg zum Schlachthof wunderte sich dieser über die vielen Passanten, die ihm vergnügt zuwinkten – bis er schließlich bemerkte, dass sich das Schwein aus dem Sack befreit und den Kopf während der Fahrt aus dem offenen Fenster gereckt hatte.

Derartige Kuriositäten seien immer wieder einmal vorgefallen, berichtet Herr Froh mit einem Schmunzeln. Es gebe da noch viel mehr zu erzählen – von Haute Couture für die Damen, Klopapier für den Heimgebrauch sowie mehr oder weniger heimlichen Liebschaften. Auch Frau Froh sorgte einmal für überaus großes Aufsehen: Da sie sich nie wirklich für das Tragen von Röcken begeistern konnte, fasste sie irgendwann allen Mut zusammen und erschien in einem mintgrünem Hosenanzug zur Arbeit. Die Reaktion der Kollegen fiel anfangs sehr verhalten aus. Erst als der „alte Fritz“ das damals neumodische Outfit als „überaus flott“ titulierte, griff die Begeisterung auch unter den Mitarbeitern um sich.

Nahezu 100 Jahre Betriebszugehörigkeit

Nach 45 Jahren in Diensten der Firma Hildebrandt beendete Frau Froh 1986 ihre berufliche Laufbahn. Danach gefragt, ob sie je mit dem Gedanken eines Arbeitgeberwechsels gespielt hätte, negiert sie dieses entschlossen. Die Arbeit habe ihr stets viel Freude bereitet, auch wenn es nicht immer einfach gewesen wäre, als Ehepaar berufliches und privates voneinander zu trennen. Herr Froh gibt offen zu, sich nach dem Renteneintritt seiner Frau auch mit den Angeboten anderer Arbeitgeber auseinandergesetzt zu haben. Doch letztlich sei das Gesamtpaket bei Hildebrandt – trotz einiger Turbulenzen – jederzeit stimmig gewesen. Gemeinsam kommt das Ehepaar Froh so auf erstaunliche 94 Jahre Betriebszugehörigkeit, beide können somit als buchstäbliche „Hildebrandt-Veteranen“ bezeichnet werden.

Doch welche Turbulenzen meint Herr Froh? Nachdem der Gebäudekomplex am Lohseplatz bereits bei der Sturmflut 1962 vollständig unter Wasser stand, erfolgte auch 1976 eine Flutung der Geschäftsräume. Eine Umsiedlung des Stammhauses in das nördlich von Hamburg gelegene Norderstedt war die Folge, später folgten ein innerörtlicher Umzug sowie 1998 der Bezug neuer Räumlichkeiten in Henstedt-Ulzburg. Ebenso prägend war die interne Umstrukturierung nach dem Tod Fritz Hildebrandts 1976 sowie der anschließende Übernahme durch Familie Marcus.

Heute genießen beide ihren wohlverdienten Ruhestand, verfolgen jedoch mit ungebrochenem Interesse die Entwicklung ihres einstigen Arbeitgebers. Ein Warensortiment von über 50.000 Artikeln, mehr als 35.000 Kunden, 14 Niederlassungen im In- und Ausland sowie rund 280 Mitarbeiter – „Das sind Zahlen, von denen man damals nicht zu träumen gewagt hätte“, so Herr Froh. Beide möchten die Gelegenheit nutzen, der Paul Hildebrandt AG zu ihrem diesjährigen Jubiläum zu gratulieren. „Wenn man 125 Jahre am Markt übersteht, kann man nicht allzu viel falsch gemacht haben“, so das abschließende Fazit des rüstigen Mittsiebzigers.

Unser besonderer Dank gilt an dieser Stelle Familie Froh, die sich kurzfristig Zeit für dieses Interview genommen und uns einen tiefen Einblick in die bewegte Firmengeschichte unseres Unternehmens gewährt hat.

Das Interview wurde geführt von Tobias Kemper.