Die Plastiktragetasche – von Hemdchen und Reiterband

Anfang der 1960er Jahre war die Papiertragetasche längst als unverzichtbare Transporthilfe etabliert. Neue Mitbewerber, leistungsfähigere Anlagen und steigende Produktionszahlen zwangen die Hersteller allerdings zu Kosteneinsparungen, die sich in einer sinkenden Papierqualität und -reißfestigkeit äußerten. Das Kundenvertrauen in die Zuverlässigkeit der Papiertragetasche litt hierunter immens. Die ohnehin angespannte Situation spitzte sich noch weiter zu, als ein konkurrierender Werkstoff zunehmend stärker auf den Markt drängte – Kunststoff, insbesondere Polyethylen (PE).

Bereits nach Kriegsende gab es in Deutschland erste Versuche, aus den USA importiertes Polyethylen zu Verpackungsbeuteln zu verarbeiten. Anfang der 1950er Jahre wurde mit dem PE-Beutel für Kartoffeln quasi der Urtyp der Plastiktragetasche geschaffen. Dieser war bereits mit Perforation und einseitigem Aufdruck erhältlich. Die Plastikbeutel wurden von der Bevölkerung allerdings nur sehr zögerlich angenommen. Kunststoff war als Ersatzstoff aus dem Zweiten Weltkrieg bekannt (ähnlich Textilien aus Papiergarn im Ersten Weltkrieg) und wurde in den Nachkriegsjahren noch mit Entbehrung, Mangel und Not assoziiert. Erst gegen Ende der 1950er Jahre setzte allmählich ein Umdenken ein und Kunststoff wurde als „Werkstoff der Zukunft“ akzeptiert. So wurde bereits 1957 erstmals die Frage diskutiert, ob Kunststoff das Papier in der Verpackungsindustrie zukünftig verdrängen würde. Plastik wurde damals jedoch eher als Ergänzung zum Papier gesehen. Diese Vermutung ließ sich auch in preislicher Hinsicht untermauern: So war Polyethylen zwar günstiger als andere Kunststoffe, jedoch deutlich teurer als Papier und somit nicht für die kostenlose Abgabe an Kunden geeignet. Insbesondere die Griffgestaltung als zusätzlicher (manueller) Arbeitsgang bedeutete einen erheblichen Mehraufwand und Kostenfaktor. Darüber hinaus waren die ersten Ausführungen mit Griffloch oder Lochausstanzungen für Trageschnüre im Griffbereich unverstärkt und somit nur wenig belastbar. Den Verbrauchern erschienen diese ersten PE-Tragetaschen wenig vertrauenswürdig. Dies sollte sich jedoch schon bald ändern.

Hemdchen-Tragetasche – erste Plastiktüte in Großauflage

1960 startete die Warenhauskette Horten (heute zu Galeria Kaufhof gehörig) die Suche nach einer Alternative zur Papiertragetasche. Diese konnte den wachsenden Anforderungen durch stetig steigende Einkaufsmengen und Angebotserweiterungen um Frischgemüse, Frischfleisch und Tiefkühlkost schlicht nicht mehr genügen. Fündig wurde man in der sogenannten Hemdchen-Tragetasche. Der eigentümliche Name war auf das Aussehen der Tasche zurückzuführen: Diese bestand aus einem Folienschlauchabschnitt, dessen Seitenkanten verschweißt wurden. Die beiden Schweißkanten des Schlauches bildeten die Seitennähte des Beutels. Das obere geschlossene Ende wurde derart geöffnet, dass zwei Tragegriffe bestehen blieben. Das herausgestanzte Rechteck verlieh der Tasche ihre charakteristische Hemdchenform.

Nachdem das Hemdchen-Muster eine interne Prüfung bestanden hatte, entschied sich Horten schließlich für einen Typenwechsel und gab 1961 die erste Plastiktüten-Großauflage der Welt (ca. 80.000 Stk.) in Auftrag. Die „Hemdchen“ waren preislich mit Papiertragetaschen konkurrenzfähig und zudem regen- und feuchtigkeitsundurchlässig. Nachteile waren allerdings die umständliche Handhabung, die geringe Belastbarkeit und Aufnahmefähigkeit größerer Verpackungen sowie das plumpe Aussehen („keine gute Figur in der Hand der Kunden“). Zudem waren die Hemdchen aufgrund ihrer instabilen Form nur eingeschränkt werbewirksam. Handel und Verbraucher reagierten daher nur zögerlich auf die Hemdchen, die Idee einer Plastiktasche als Alternative zur Papiertasche hatte sich allerdings verfestigt.

In den Folgejahren wurde es zunehmend üblich, Plastiktragetaschen kostenlos an die Kundschaft auszugeben. Neben der Hemdchen-Tragetasche als meist verbreitetes Modell waren dies auch PE-Taschen mit Griffloch oder angeschweißtem Kunststoffgriff. Die Grifflochvariante überzeugte durch ihren günstigen Preis, bot aufgrund der unverstärkten Grifflochzone jedoch erhöhte Einreißgefahr und war somit nur für geringe Füllmengen geeignet. Taschen mit angeschweißten Griffen waren zwar äußerst praktikabel und werbewirksam, kosteten allerdings das 2,5-fache einer vergleichbaren Papiertragetasche.

Reiterband – die erste „richtige“ Plastiktragetasche

Doch derartige Preisunterschiede waren nicht von Dauer: Die zunehmende Erdölförderung und -verarbeitung (jährlich ca. 1,5 Mrd. Tonnen) ließ den Preis für Polyethylen stetig sinken. Zudem waren (berechtigte) Zweifel an der Qualität der Papiertragetaschen mittlerweile allgemeingültig geworden. Als steigende Einkaufsmengen und ein wachsendes Angebot an Feuchtartikeln (Gemüse, Fleisch, Wurstwaren, Fisch, Tiefkühlkost etc.) eine zweckmäßige und sichere Transporthilfe erforderten, fiel die Wahl daher bevorzugt auf Kunststoffausführungen. Mitte der 1960er Jahre wurde die Plastiktragetasche so zur Massenware (z. B. Umstellung bei Karstadt aufgrund höherer Tragfähigkeit, 1965). Auch wenn die Papiertragetasche vorerst Marktführer blieb (ca. 1 Mrd. in 1968, Zuwachs um 4,7 %), war die Trendwende zu Plastiktragetaschen (400 Mio., Zuwachs um ca. 50 %) doch deutlich erkennbar.

Der Siegeszug der Plastiktragetasche ist hierbei insbesondere auf ein Modell zurückzuführen, das gemeinhin als erste „richtige“ Plastiktragetasche gilt – die Reiterband-Tragetasche. Der Name der 1965 entwickelte PE-Tragetasche ist auf die sattelartige Griffverstärkung zurückzuführen: Ein doppelt gelegter Streifen („Band“) aus 60 my starker Beutelfolie wurde derart auf dem oberen Beutelrand angebracht, dass er diesen n-förmig umgriff („Reiten“). Die so entstehende sechsfache Folienlage (je drei Lagen links und rechts à 60 my, insgesamt 180 my pro Seite) bewirkte eine besonders hohe Stabilität der Griffzone, aber auch der Fläche. An der Produktion war unter anderem die zur Hildebrandtgruppe gehörige Jens Marcus GmbH aus Hamburg maßgeblich beteiligt.

Die erste Großauflage wurde 1968 von einer massiven PR-Offensive (Interviews, Anzeigenschaltungen etc.) begleitet. Hauptargument pro „Reiterband“ war die hohe Tragfähigkeit, die den erforderlichen Doppelverbrauch qualitativ minderwertiger Papiertragetaschen unnötig machte. Darüber hinaus bot sie eine äußerst attraktive Werbefläche. Als erste „richtige“ Plastiktragetasche war sie das Ergebnis einer langjährigen Experimentierphase und entsprach in ihrer Konzeption und Ausführung dem Zeitgeist der tempogeprägten Konsumgesellschaft der 60er Jahre. Als etablierter Standard bestimmte die Reiterband-Tragetasche fortan nahezu vollständig das Lebensmittelsegment von Warenhäusern und Supermärkten.

Papiertragetaschen waren zu diesem Zeitpunkt preislich und qualitativ nicht mehr konkurrenzfähig. Helmut Frank, Vorsitzender des Industrieverbandes Papierverpackung, sprach auf der Jahreshauptversammlung 1969 von einem regelrechten „Vergessen des Papiertragbeutels“ auf der vorangegangenen Verpackungsmesse INTERPACK in Düsseldorf - eine Entwicklung, die sich auch in den 1970er Jahren fortsetzte: Während der Pro-Kopf-Verbrauch von Plastiktragetaschen von 15 (1970) auf 52 (1982) stieg, pendelte sich der Papiertaschenverbrauch in diesem Zeitraum auf durchschnittlich 9 Stück pro Kopf ein (zwischenzeitlicher Rückgang auf 5, 1974). Die Chance eines möglichen Comebacks im Zuge der Erdöl-Krise von 1973 (Sonntagsfahrverbot etc.) blieb von den Herstellern gänzlich ungenutzt. Stattdessen beschleunigten unnötige Preiserhöhungen den Rückgang noch weiter.

DKT – Sinnbild für Überfluss und Massenkonsum

Der Preiskampf betraf jedoch nicht nur die beiden konkurrierenden Werkstoffe Papier und Kunststoff, sondern auch die Folienproduzenten untereinander. Zunehmender Wettbewerb und Preisdruck hatten bereits Ende der 60er Jahre Unterqualitäten nach sich gezogen. Um das Vertrauen von Handel und Verbrauchern nicht nachhaltig zu schädigen (wie es bei der Papiertragetasche geschehen war), wurden Qualitätssiegel (FEDES, 1972 / 73) und Prüfverfahren (RAL RG 724/1, 1975) etabliert. Die vom Handel geforderten Kostensenkungen – die kostenlose Abgabe an Kunden gestaltete sich überaus kostspielig, da diese die Plastiktüten in unbeobachteten Momenten bündelweise einsteckten – sollten um keinen Preis zu Lasten der Qualität erfolgen.

Um die Kostenbelastung zu senken, wurde unter anderem eine kontrollierte Abgabe oder eine Preisberechnung in Erwägung gezogen. Der Einsatz von Spendersystemen (z. B. Tragetaschen-Ausgabe-Automat bei Karstadt, 1972 / 73) konnte sich allerdings nicht bewähren. Fündig wurde man in einer neuartigen Taschenform: Die Doppel-Kraft-Tragetasche, kurz DKT, war eine konisch extrudierte Sinus-Tragetasche, die sich aufgrund ihrer rationellen und weniger materialaufwändigen Fertigungsweise wesentlich kostengünstiger als vergleichbare Taschen produzieren ließ. Ihre quadratische Form erwies sich zudem als besonders benutzerfreundlich.

Eine Studie im Auftrag der Karstadt AG zu den Einkaufs- und Verpackungsgewohnheiten im Lebensmittelbereich ergab, dass Kunden pro DKT-Tasche für durchschnittlich 21 Prozent mehr Warenwert (= 4,00 DM) einkauften als dies bei Reiterband-Taschen der Fall war. Durch das größere Füllvolumen und die höhere Belastbarkeit wurden zudem 21 Prozent mehr Großgegenstände (z. B. Flaschen) eingekauft. Der Taschenverbrauch konnte um 17 Prozent gesenkt werden, darüber hinaus verkürzte sich dank größerer Füllöffnung (DKT: 42 cm / Reiterband: 35 cm) die Packzeit um 23 Prozent. Der Einsatz der DKT-Tasche ermöglichte Karstadt somit eine jährliche Kostenersparnis von etwa 60.000 DM. Ferner attestierte das Fraunhofer-Institut für Lebensmitteltechnologie und Verpackung der DKT-Tasche eine mehr als doppelt so hohe Belastbarkeit und Lebensbauer gegenüber der Reiterband-Tasche. Die Traglast wurde mit 5 Kilogramm beziffert.

Die DKT war somit die ideale Tragetasche für die von Massenkonsum und Überfluss geprägte Gesellschaft der 1970er Jahre – und bis heute die letzte große technische Innovation auf dem Tragetaschenmarkt. Spätere Taschenvarianten erreichten nur noch geringere Bedeutung, so z. B. die Isoliertasche (ab 1974), Taschen mit eingeschweißten Warenproben (1979) oder Schlaufentaschen (ab 1980).

Plastiktragetaschen heute

1978 waren Plastiktragetaschen mit einem Marktanteil von 86 Prozent den Papiertragetaschen (14 %) deutlich überlegen. In dieser Phase erlebte die 10 Jahre zuvor nahezu vollständig vom deutschen Markt verschwundene Hemdchen-Tragetasche ein furioses Comeback und avancierte fortan zum heute meist verbreitetsten Taschentyp in Europa, gefolgt von der DKT. Explosionsartige Steigerungen der Granulatpreise verursachten Anfang der 1980er Jahre gravierende Preiserhöhungen für PE-Taschen, die vom Handel in Form eines „Tütengroschens“ an die Verbraucher weitergegeben wurden. Auf die dennoch stark sinkende Nachfrage (Rückgang um 9 %, zeitgleich fast 10 prozentiger Anstieg der Papiertragetaschen), reagierten die Hersteller mit immer dünneren Folienqualitäten. Ein Durchbruch gelang schließlich mit der Verarbeitung von HDPE-Folien. Dank hochmolekularer Dichte konnte die Folienstärke um nahezu die Hälfte reduziert werden (15 bis 30 my statt 50 bis 60 my, somit weniger Materialeinsatz und Lagerflächenbedarf) – ohne Qualitätseinbußen bezüglich Reißfestigkeit und Belastbarkeit gegenüber den gewohnten LDPE-Ausführungen.

Auch heute werden Plastiktragetaschen überwiegend aus HDPE und LDPE gefertigt. Mit der Hemdchen-Tragetasche und der DKT markieren zudem zwei Modelle aus den 60er bzw. 70er Jahren die meist verbreitetsten Taschentypen der Gegenwart. Deutliche Veränderungen sind jedoch an anderer Stelle zu verzeichnen: Die kostenlose Ausgabe an Kunden ist heutzutage stark rückläufig und die damals umstrittene Preisberechnung allgemein akzeptiert.

Quelle:

  • Dr. Heinz Schmidt-Bachem: „Aus Papier: Eine Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Papier verarbeitenden Industrie in Deutschland“, De Gruyter Saur, 2011.